Hatha Yoga - Ashtanga (Vinyasa) Yoga nach Sri K. Pattabhi Jois

Hatha Yoga allgemein:

Auch Hatha Yoga ist, wie alle anderen traditionellen Yogaansätze, eine ganzheitliche ins Leben integrierbare Philosophie, ein praktisch anwendbarer Pfad. Hatha Yoga wird (leider) oft als rein „körperlicher“ Yoga gesehen. Hatha Yoga beginnt auch mit körperlichen Vorbereitungen und -Übungen und dient so als Grundlage für den Ashtanga Pfad nach Patanjali und geht dann fließend in Yoga nach Patanjali über. Diese körperlichen Übungen sowie weitere Schritte des Hatha Yoga sind Asanas, Kriyas (yogische Reinigungstechniken), Pranayama, Mudras, Dharana, Dhyana und Unmani (Samadhi), wie sie in den wesentlichsten alten Werken zu Hatha Yoga wie „Hatha Pradipika“, „Gheranda Samhita“, „Vashista Samhita“, „Shiva Samhita“, „Goraksha Shataka“ … überliefert sind. Einer der bekanntesten Lehrer bzw. Meister von traditionellem Hatha Yoga war Sri K. Pattabhi Jois (†18.05.2009). Sein System des Hatha Yoga ist bekannt unter dem Namen „Ashtanga Vinyasa Yoga“ oder auch oft nur „Ashtanga Yoga“ genannt.

Shala-Mysore-Tafel-IndexAshtanga (Vinyasa) Yoga nach Sri K. Pattabhi Jois

Die Form und Verbreitung von Ashtanga (Vinyasa) Yoga wie es heute überwiegend praktiziert wird, haben wir Sri K. Pattabhi Jois und seinem lebenslangen Studium des Yoga zu verdanken. „Guruji“ (Guru = Lehrer; ji = Respektsform), wie er von seinen SchülerInnen liebevoll genannt wurde, war bis zu seinem Tod die Autorität für Ashtanga (Vinyasa) Yoga und weltweit eine lebende Legende. Die Grundlagen für dieses System hat Sri K. Pattabhi Jois 1927 von seinem Guru T. Krishnamacharya übernommen und hat es bis ins hohe Alter von 94 Jahren, in seinem Yogazentrum (KPJAY – Institute; vormals AYRI – Institute) in Mysore, Südindien, gelehrt. Das Zentrum wird seit seinem Tod von seinem Enkel Sharath Jois (Rangaswami) und seiner Mutter Saraswati Rangaswamy weiter geführt.

Die Methode von Sri K. Pattabhi Jois

Für Sri K. Pattabhi Jois sind die Asanas oder Körperstellungen – der Einstieg in die Yoga Praxis. Da wir in einer extrem nach außen gerichteten „körperlichen“ Welt leben und funktionieren, ist auch der Beginn von Pattabhis „Ashtanga Yoga“ zunächst ein Körperlicher. Er hat aber immer betont, dass dies nur der Einstieg ist, die körperliche Erfahrung nur ein Nebenprodukt ist und wir das ultimative Ziel, Selbsterfahrung und Erkennen unserer wahren Natur – nie aus den Augen verlieren sollen. Mysore-14-500Nach dieser Methode ist die Abfolge der Asanas in einer festgelegten Sequenz vorgegeben. Jedes Asana ist mit dem nächsten durch eine ebenso vorgegebene Bewegungsabfolge verknüpft. Jede Bewegung wird unter Anwendung einer besonderen Atemtechnik (Ujjayi Atmung) mit einem Atemzug synchronisiert (Vinyasa). Die Augen werden auf festgelegte Blickpunkte (Drishtis) fixiert und energetische Körperverschlüsse (Bandhas) werden aktiviert. Der Geist wird nach Innen gerichtet und durch dieses Zusammenwirken von Asanas, Vinyasas, Drishtis, Bandhas und Ujjayi Atmung kommt es zu einem „Meditativen Tanz des Körpers mit dem Geist und dem Atem“. Es ist zunächst ein körperlicher Ansatz, der aber durch die regelmäßige Praxis rasch auch einen Effekt auf Geist und Seele zeigt und zu einem Erwachen eines tieferen Bewusstseins gegenüber sich selbst und der Umwelt führt. Diese Asana Praxis ist Einstieg und Fundament für die weiteren Schritte am Hatha Yoga Pfad. Es ist die Vorbereitung des Körpers für Pranayama und der Schlüssel für das Erwachen eines tieferen Verständnis und Interesse für die gesamte Yogaphilosophie und ihrer weiteren Ebenen.

Benefits von Ashtanga (Vinyasa) Yoga nach Sri K. Pattabhi Jois

Das ultimative Ziel von Ashtanga Vinyasa Yoga ist die Selbsterfahrung, die Entdeckung und Erfahrung des wahren Selbst. Auf dem Weg dorthin hat die regelmässige Ashtanga Yoga Praxis für den Übenden noch viele andere, extrem positive (Neben-) Effekte.

Für den Körper

  • Höhere Flexibilität bei gleichzeitiger Kräftigung der Muskeln, da dehnende Übungen mit kräftefördernden Übungen gepaart werden
  • Steigerung der Kondition, da der Körper über den gesamten Zeitraum einer Übungseinheit ohne Unterbrechung dynamisch bewegt wird
  • Förderung des gesamten Stoffwechsels, Kräftigung des Kreislaufs und des Nervensystems
  • die Fähigkeit, auch körperlich vollkommen zu entspannen wird angeregt, gleichzeitig wirkt die Praxis aber doch energetisierend
  • Durch die Ujjayi Atmung kommt es zu einer intensiven Hitzeentwicklung im Körper. Die Schweißproduktion wird drastisch angeregt und dadurch werden Schlacken und Gifte abgebaut und der gesamte Körper innerlich gereinigt
  • Viele körperliche Beschwerden, hervorgerufen durch mangelnde Bewegung, Fehlhaltung und einseitige Belastung wie Rückenschmerzen, Nackenprobleme, Gelenksschmerzen können dauerhaft korrigiert und beseitigt werden
  • Es verändert sich nicht nur das äußere Erscheinungsbild des Körpers, viele Asanas wirken direkt auf innere Organe. Durch Anregung von Blutzirkulation und Stoffwechsel wird die Funktionstätigkeit dieser Organe gesteigert.

Für den Geist

  • Förderung von Stressabbau, geistiger Entspannung und Ausgeglichenheit
  • Verbesserung des Konzentrationsvermögens und der allgemeinen Leistungsfähigkeit
  • Abbau von mentalen Blockaden, Aufbau von Willenskraft und Steigerung der Fähigkeit, schwierigere Situationen leichter zu meistern
  • Man wird fokussierter und die Konzentration auf das Wesentliche, tatsächlich Wichtige im Leben, wird intensiviert. Ein Loslassen von alten, blockierenden Verhaltensmustern beginnt.
  • Das Bewusstsein für den Augenblick, das Hier und Jetzt wird erweckt
  • Führt zur Kontrolle über die Gedanken und deren Bewegungen bis hin zu einer vollkommenen Kanalisierung aller Gedanken in tiefer Meditation bzw. Samadhi
  • Die langjährige, regelmässige, korrekte Praxis kann zu einer tiefen Transformation der gesamten Persönlichkeit führen. Dies eröffnet den Praktizierenden einen neuen Weg, das Leben zu genießen und wahres Glück zu verspüren.

Elemente von Ashtanga (Vinyasa) Yoga nach Sri K. Pattabhi Jois

Abfolge der Asanas

Die Asanas sind in einer festgelegten Abfolge zu üben, jedes Asana ist betreffend Kraft und Flexibilität aufbauend mit dem nächsten abgestimmt, so dass die jeweils vorherigen Asanas eine perfekte Vorbereitung für die darauffolgenden darstellen. Dieser Reihenfolge ist möglichst zu folgen und es ist nur bis zu jenem Asana zu üben, das man tatsächlich noch korrekt ausführen kann, wobei nach dem traditionellen Ansatz nach Pattabhi Jois, die Asanas an die jeweiligen Bedürfnisse und Möglichkeiten des Übenden angepasst werden. Daher übt jeder Praktizierende, abhängig von seiner Konstitution diese Abfolge nur bis zu einem bestimmten Asana und in einer bestimmten Sequenz, wie es ihm vom Lehrer vorgegeben wurde. Erst wenn der Praktizierende dieses auch „meistert“, erhält er vom Lehrer das Nächste. So ist sichergestellt, dass der Übende wirklich die, der Abfolge entsprechende, Verbesserung seiner Kraft und Flexibilität erfährt und er seinen Körper für die weiteren, schwierigeren Asanas genügend vorbereitet um Verletzungen zu vermeiden. Nur durch dieses schrittweise Annähern an komplexere Asanas, kommt es zu einer wirklichen Entfaltung von Körper und Geist. Es gibt sechs verschiedene Serien von Asanas, die sich durch einen ansteigenden Schwierigkeitsgrad unterscheiden. Die Asanas werden von Serie zu Serie komplexer und kombinieren mehr und mehr Flexibilität und Körperkraft in den einzelnen Übungen. Das Beherrschen der vorhergehenden Serie bringt die notwendigen Vorraussetzungen an Flexibilität und Körperkraft, aber auch Konzentrationsvermögen für die nächste. Alle Asanas einer Serie sind daher sehr gut zu beherrschen, bevor man die nächste Serie beginnt. Schon die erste Serie zu meistern, kann abhängig von Alter, Einsatz, Hingabe und grundsätzlichen körperlichen Konstitution einige Jahre täglicher Übung benötigen. Nur wenige, sehr fortgeschrittene Yogapraktizierende üben derzeit die 3. oder 4. Serie, maximal eine handvoll weltweit die fünfte und die 6. Serie wird derzeit wahrscheinlich nur von Sharath, dem Enkel von Sri K. Pattabhi Jois, beherrscht.

Vinyasa

Vinyasa bedeutet Synchronisation von Bewegung und Atmung. Alle Bewegungen, die in ein oder aus einem Asana führen, werden präzise in einer vorgegebenen Reihenfolge mit der Atmung synchronisiert. So werden die einzelnen Asanas mit einer atemsynchronisierten Bewegungsabfolge miteinander verknüpft und die ganze Asanapraxis wird zu einer dynamischen Einheit verbunden.

Ujjayi Atmung

Yoga-Pranayama4Die korrekte Atmung ist wesentlicher Bestandteil und Fundament der Ashtanga Yoga Praxis. Alle Bewegungen werden mit der Atmung synchronisiert (siehe Vinyasa). Die Ein – und auch die Ausatmung soll möglichst tief und gleichmäßig sein und die Länge der Einatmung soll der der Ausatmung entsprechen. In Ashtanga Yoga wird dazu eine Atemtechnik benutzt, die auf „Ujjayi Pranayama“ basiert. Dabei wird die Kontrolle über den Atemfluss durch eine leichtes Verengen der Stimmritze erreicht, dadurch entsteht ein während der gesamten Praxis leicht hörbares Geräusch im Kehlkopfbereich (= Ujjayi – Atmung). Dieser„Sound“ hilft, sich auf die Atmung zu konzentrieren und die Sinnesorgane und Bewegungen des Geistes nach Innen und auf die Praxis zu fokussieren. Es gilt der Grundsatz, dass für ein Asana niemals der ruhige, gleichmäßige Atem geopfert wird. Das heißt, ist ein Asana so schwierig, dass der Atem dadurch gestört wird, ist dieses Asana eben nicht so intensiv auszuführen bis man es auch mit ruhigem, gleichmäßigen Atem meistert. Gemäß Guruji intensiviert der lange, tiefe und gleichmäßige Atem, verbunden mit der Verengung der Stimmritze das interne Feuer und stärkt und reinigt das Nervensystem.

Bandhas

Bandha bedeutet Energieverschluss und man versteht darunter aktivierte Muskelgruppen, die Prana (Energie) während der Asana- und Pranayamapraxis im Körper frei machen und kontrolliert in die Nadis (Energiebahnen im Körper) leiten sollen. Die Aktivierung der Bandhas und die dadurch geleitete Prana geben dem Körper Energie, Leichtigkeit und Stärke während der Asana Praxis. Gemäß Guruji ist die Asana Praxis ohne der Anwendung von Mula Bandha nur von geringen Wert. Es gibt drei wesentliche Bandhas:

– Mula Bandha

dieser Verschluss liegt im Beckenbodenbereich bzw. Perineum. Mula Bandha wird durch leichtes Einziehen bzw. Anheben des Perineums in den Körper aktiviert. Idealerweise wird Mula Bandha während der Asana jeweils angepasst an die einzelne Übung durchgehend gehalten.

– Uddiyana Bandha

Ist eine sehr intensive energetische Übung. Dabei wird der Bauchbereich bzw. Nabel intensiv nach Innen und hoch „gezogen“. Diese Übung ist z.B. Teil einer yogischen Reinigungstechnik namens Nauli oder wird bei sehr fortgeschrittenen Pranayamaübungen verwendet.
Auch bei den Ashtanga Yoga Asanas wird der Begriff „Uddyana Bandha“ öfters verwendet. Dabei wird der Bereich zwischen Schambein und Nabel leicht (abhängig von der körperlichen Intensität des Asanas) aktiviert. Dies darf nicht mit der energetischen Übung „Uddhyana Bandha“ verwechselt werden.

– Jalandhara Bandha

ist der Kehlverschluss, der Kopf wird nach vorne Richtung Brust gebeugt und das Kinn auf die Brust gedrückt. Mula Bandha und Uddiyana Bandha werden während der gesamten Asanapraxis aktiviert, Jalandhara Bandha wird nur bei bestimmten Asanas bzw. bei der Pranayama Praxis bei Kumbhaka (Atemanhaltung) angewendet.

Drishtis

Drishtis sind Blickpunkte, auf die die Augen während der Asanapraxis fixiert werden. So werden die Augen ruhig und fokussiert, der Blick schweift nicht herum und der Praktizierende wird nicht abgelenkt. Die Gedanken werden auf die Praxis zentriert und nach innen gerichtet. Jedes Asana hat ein bestimmtes Drishti.

 

Hier geht es zu einem sehr schönen Artikel geschrieben von Alex Medin über Sri K. Pattabhi Jois, das Ashtanga Yoga Research Institute und die Ashtanga Methode (Mysore Style)

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